Absurde Konklusion

Dieser Tage musste ich mich einer Operation am offenen Herzen unterziehen. In den Nächten danach habe ich nicht viel geschlafen. In einem Zustand zwischen Schlaf und Halbschlaf versuchte mein Gehirn medizinische Überwachungssignale, Wahrnehmungen des eigenen Körpers und Gedankenschleifen in eine Ordnung zu bringen, die es mir ermöglichen würde, den in Wellen auftretenden Hustenreiz und das mit Schmerzen im Brustraum verbundene Abhusten von Schleim besser zu kontrollieren. Nachdem ich wieder die sich wiederholenden Sequenzen, in denen ich eine Art Übersetzung zu finden versuchte, ohne Ergebnis durchlaufen hatte – deren Unfug mir bei wacheren Momenten zwischendurch jedesmal augenblicklich klar war – realisierte mein Gehirn schließlich, dass der Ansatz, den Hustenreiz durch umleitende Zuordnungen zu verwandeln – eine Idee, die vor dem Hintergrund meiner beruflichen Beschäftigung mit Hypertext und Internetadressen zu sehen ist – vielleicht in eine Art Kitzeln, das dann ausklingen würde – nicht zuletzt deshalb zum Scheitern verurteilt war, weil diese Sequenzen nicht festgeschrieben werden konnten, sondern immer wieder neu gedacht werden mussten.

Ich fand einen alternativen Ansatz – dessen Vorbild vage in den Mechanismen digitaler Verschlüsselung zu sehen ist – der die Entzifferung der in den Signalen verborgenen Botschaften zum Ziel hatte – die außer vom medizinischen Überwachungssystem auch vom eigenen Körper hervorgebracht wurden, von denen ich insbesondere die durch Sekrete im Atemweg verursachten unregelmäßigen Impulsfolgen, eine Art knisterndes Rasseln, als sprachähnlich empfand. Eine Entzifferung mit einer Art rekursivem Zerlegungssieb würde einfacher sein, weil es nur notwendig war sich das letzte Zwischenergebnis zu merken. Irgendwann später wachte ich mit einem heftigen Hustenanfall auf und erkannte die Illusion, meinen körperlichen Zustand traumgedanklich zu steuern, die scheinbare Lösung der traumhaften Entzifferungsrekursion zugleich aber als Ausschüttung von Unterbewusstem. Es erschien mir, bei aller Müdigkeit, der Mühe wert aufzuschreiben, was das Gedankensieb als Ergebnis ausgeschüttet hatte.

Ich notierte ohne Punkt und Komma und war dabei etwas über die Vielzahl der Worte erstaunt, denn in Gedanken war es mir viel einfacher und klarer erschienen:

Am Ende ergibt sich aus dem nach und nach gefügten Ganzen dass der Sinn sich beständig aus sich selbst ins Absurde ausbreitet um an den Enden wieder in die gleiche Frage des Anfangs zusammenzufallen die uns die ganze Zeit ihre einzelnen Bestandteile wiederholend und neu gliedernd zu formulieren so schwer gefallen ist

Da ich realisierte, dass das Aufschreiben die gefundenen Worte schon verändert hatte, versuchte ich den Sinn in der Art einer Interpretation zu fassen:

Das Absurde ist das scheinbar Einfache und zugleich Nichtzufassende das dinglich Undingliche undinglich Dingliche das alles von dem es sich entfernt zugleich einschließt das uns bei den Dingen hält wie die Schwerkraft auf dem Erdboden und nur aus Trägheit nicht in den Raum entlässt das zurückzugeben scheint was wir hineingegeben manchmal mit Hingabe manchmal mit überlieferten Gewissheiten Erkenntnis Zusammenhängen Übertragungen ohne Richtung ausgestoßen haben das in sich hineinsaugt was sein Wesentliches ist das uns anzieht wie ein Spiegel weil nichts in ihm ist was nicht in uns ist das uns abstößt indem es das im Inneren Verborgene umstülpend in ständiger Verwandlung zurück nach Innen kehrt Schöpfung und Zerstörung in fluider Viskosität

Der Fels den das Wasser zu Sand zerrieben hat ist Übergang geworden Entdinglichung als Aufhebung Verdinglichung als Gestalt kein Anfang kein Ende

Das Ergebnis des Gedankensiebes war mir also entglitten, es wurde durch die Begriffe, in die ich es beim Aufschreiben zu fassen suchte, überlagert; denn die ursprünglichen Gedanken in meinem Kopf waren in diesem Sinn viel abstrakter. Aber ich war eigentlich nicht enttäuscht darüber. Mein Streben bestand ja nicht darin, das automatische Schreiben neu zu erfinden, sondern einfach nur darin physisch schmerzfrei zu sein. Meine Gedanken wendeten sich bestimmten Menschen zu. Ein Gefühl des Aufgehobenseins und der Dankbarkeit umfasste mich. Der letzte Formulierungsversuch, den ich notierte, erschien mir abschließend, und ich war wieder müde genug, das Schreibgerät wieder wegzulegen und mich zurück in den Schlaf fallen zu lassen. Innerhalb des vergangenen Jahrzehnts bin ich nicht nur elternlos geworden – was in einem Menschenleben, das schon einige Jahre zählt, durchaus natürlich, aber bei aller Entfremdung auch schmerzlich ist – sondern habe auch nicht nur einen Freund und noch eine Freundin durch Krankheit verloren.

An meine Toten der letzten Jahre und die Lebenden

Unsere Leben unsere Begegnungen was wir miteinander erlebt haben was wir voneinander gelernt haben ist in Bewegung ein Mosaik ein Mobile ohne Fäden das sich in einem weiten Raum dreht und weiter dreht bis der Raum nur noch Raum ist und wir selber tot sind


Posted

in

by