Film

Das muss der Himmel sein

Gestern schaltete ich abends den Fernseher an und wurde sofort von einem Film gefesselt, der schon angefangen hatte: It Must Be Heaven, eine Komödie des palästinensischen Filmemachers Elia Suleiman.[1] Sein Autor und Hauptprotagonist als stiller Beobachter E.S. erinnerte mich an die Figuren Marcovaldo und Palomar in den gleichfalls episodischen Erzählbänden von Italino Calvino ‒ so dass ich mir kaum vorstellen kann, Suleiman habe Calvino nicht gelesen ‒ wobei die scheinbar naive Kontemplativität Jacques Tati in Mon oncle und die unbeugsame Schweigsamkeit von E.S. einen Buster Keaton evozieren, der in seinen Stummfilmkomödien ebenso ohne Zwischentitel auskam. Nahostkonflikt und Fremdsein im Exil werden in einer poetischen Bilderfolge auf eine Weise thematisiert, die Wiedererkennungsmomente auch für jemanden anbietet, der wie ich das Glück hat nicht seiner Heimat beraubt worden zu sein oder in seiner Selbstbestimmtheit eingeschränkt zu werden. Vielleicht aber auch in jenem Nice to meet you mit seiner freundlichen Gleichgültigkeit; von den verschiedenen Wiedererkennungsmöglichkeiten ist die angenehmste ja nicht immer die passendste. Paris und New York habe ich manchmal schon so erlebt, wie diese ‒ als Beispiele zu sehenden ‒ Städte in der einen oder anderen Episode erscheinen. Nazareth, die Geburtsstadt von E.S. und Suleiman, erscheint als betrogenes und trügerisches Paradies. Die absurd überspitzten Bilder, die manchmal in phantastische Fabulation übergehen, entlarven komische und unheimliche Aspekte der gesellschaftlichen Ordnung, die an den verschiedenen Orten gewisse Gemeinsamkeiten aufweist, lassen aber auch manchmal eine Poesie des Alltags aufscheinen, die ein aufmerksames Auge in unscheinbaren Einzelheiten entdeckt. Manche Bilder suggerieren einen metaphorischen Subtext. Dessen Entschlüsselung liegt in der Interpretation des Betrachters.

1. It Must Be Heaven (deutscher Titel: Vom Gießen des Zitronenbaums), 2019, 102 Minuten, bis zum 24. Mai 2022 in der Arte Mediathek in der deutschen Fassung und in der Originalfassung mit französischen Untertiteln.

19. Mai 2022 von Kai Yves Linden
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Dies und das

Die Länge der Pause

Die Gender-Pause setzt sich mehr und mehr durch, jedenfalls überall, wo auf Geschlechtergerechtigkeit Wert gelegt wird. Die Intention ist nicht, das glaube ich, die Sprache zu deformieren. Vor allem die auf der rechten Seite des politischen Spektrums und insbesondere die ganz rechts ärgert die Beliebtheit der Lösung, die vor allem bei denen zunimmt, die eine aufgeklärte, „aufgewachte“ oder nur tolerante Position vertreten, und das wäre durchaus ein Grund für mich sich zu freuen. Nur leider verursacht die Lösung auch bei mir eine Art Schmerzempfindung, die sich aus der empathischen Mimesis ergibt, weil ich die Pause als Aussetzer empfinde, der eine Artikulationshemmung ausdrückt oder ein Atemaussetzer sein könnte, eine Apnoe. Vielleicht ist das bei mir besonders ausgeprägt. Als Musikliebender höre ich vielleicht etwas genauer, vielleicht etwas anders. Andere scheinen diese Art von Schmerzempfindung nicht zu haben.

Ich habe bei Diskussionen über männlich geprägte Sprache schon früher die weibliche Form als Genericum vorgeschlagen, denn das funktioniert z.B. auch im Singular. Luise F. Pusch, die als Erfinderin der Gender-Pause gilt, hat das ebenfalls vorgeschlagen, und ihre Meinung als Linguistin hat sicher mehr Gewicht als meine als Irgendjemand, der sich nur auf seine Empfindung berufen kann. Sie hat übrigens auch die Abschaffung der weiblichen Form bei Berufsbezeichnungen und anderen generischen Begriffen erwogen; jedoch ist klar, dass eine negative Regelung viel schwerer durchzusetzen ist. Es ist leichter, sich etwas anzugewöhnen als sich etwas abzugewöhnen. An die Pause kann ich mich allerdings nicht gewöhnen; meine spontane Wahrnehmung erkennt einen Aussetzer und vermutet ein artikulatorisches Problem.

Wenn ich Pusch richtig verstanden habe, war ihr ursprünglicher Vorschlag, das große Binnen-I durch einen Kehlkopfverschlusslaut auszudrücken. Das erscheint unmittelbar logisch, denn ein Großbuchstabe steht im Deutschen normalerweise am Anfang eines Nomens, also eines Wortes, und bei einem Vokal am Wortanfang wird im Deutschen ein Kehlkopfverschlusslaut artikuliert. Deutsche machen das übrigens auch in Fremdsprachen – wenn sie es sich nicht mit viel Mühe abgewöhnen – woran sie im Ausland sofort erkannt werden, so gut sie die Aussprache sonst beherrschen oder Eigenheiten der Fremdsprache übernehmen und manchmal auch übertreiben. Der Laut wird auch als Knacklaut bezeichnet. Was mich betrifft, könnte ich mit dem Knacklaut beim großen Binnen-I auch gut leben, furchtbar ist für meine Empfindung nur die Pause, die ihn erzwingt.

Ich bin, nebenbei, der Meinung, dass Sprache nicht Bewusstsein ändern kann. Sprache ist Ausdruck des Bewusstseins, und weder das eine, noch das andere kann eindimensional verstanden werden; es gibt nicht nur eine Sprache, und dies unter verschiedenen Blickwinkeln. Vorschriften und Regeln sind zunächst solche, und nicht das Ergebnis, das sie herstellen sollen. Eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit wird eine andere Sprache herstellen; nicht umgekehrt. Das ist aber ein anderes Thema.

Ich möchte nur dafür plädieren: Wenn ein Knacklaut ein großes Binnen-I darstellt, dann bitte ohne Pause. Oder genauer: Es genügt eine bei geübter Artikulation kaum wahrnehmbare Pause, artikulationstechnisch bedingt, die gerade lang genug ist, den Kehlkopfverschluss herzustellen und wieder zu lösen, ohne jede künstliche Dehnung, die auch bei anderen Worten im Satz, die mit einem Vokal beginnen, nicht praktiziert wird. Kurz: Ein knackiger Vokal ist auch im Sprachfluss deutlich genug – eine extra Pause braucht es einfach nicht. Da mit der deutschen Sprache aufgewachsenen Menschen der Knacklaut nicht bewusst ist, hilft es sich vorzustellen, die zu isolierende Suffix sei ein eigenes Wort, das an das vorige nur durch zeitliche Nähe gebunden wird.

18. Mai 2022 von Kai Yves Linden
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Dies und das

Auf ein gutes Jahr 2022!

Und wieder hat ein neues Jahr begonnen. Die Silvesternacht war heiter, ungeachtet der weiterhin allgegenwärtigen Pandemie, und diesmal habe ich etwas länger gebraucht, um mich vom Feiern zu erholen. Deshalb habe ich darauf verzichtet, aus dem Basteln von elektronisch geschnipselten Ständchen – zur Huldigung des zeitlichen Niemandslandes zwischen den Jahren – eine private Tradition zu machen, und mich daran erinnert, dass ich das Jahr schon in Medianten, Sekundversetzungen und Teiltonstapelungen präludierend (harmonisch wild, dynamisch sanft) am Klavier begrüßt hatte. Zum Glück hat das niemand aufgenommen und so muss ich mein ebenso kleines – wie zu vermuten ist – als auch geehrtes Blog-Publikum leer ausgehen lassen.

Gewissermaßen zum Ausgleich habe ich die Präsentation, die ich im März des vorgegangenen Jahres zu den Ateliers du Forum IRCAM beigetragen hatte, die wegen der Pandemie nicht in Paris, sondern nur online stattfanden, jetzt auf meiner Web-Seite für alle online gestellt. Ich habe es mal einfach so mit HTML 5 und schlichtem HTTP ausprobiert und festgestellt, dass es so – zumindest für diesen Anwendungsfall – durchaus geht, einen modernen Browser vorausgesetzt, was aber heute an so gut wie allen Endgeräten gegeben sein sollte.

In der Präsentation geht es um mein Stück für Flöte und elektronische Erweiterung Vertikale Struktur (Structure verticale) und seine Neufassung, die mich über rund anderthalb Jahre beschäftigt hat (und deren Textredaktion mich derzeit noch weiter beschäftigt). Um die zwanzig mir zur Verfügung stehenden Minuten optimal zu nutzen, habe ich so schnell gesprochen wie es mir auf Englisch bei ausreichend deutlicher Artikulation möglich ist. Auf Deutsch hätte ich vielleicht noch ein wenig mehr in die Zeit pressen können. Nun, ich hoffe, dass der Vortrag dennoch einigermaßen verständlich ist, und dass insbesondere auch diejenigen, die nicht unbedingt Experten elektronischer und gemischter Musik, von Grundsatzfragen des Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine usw. sind, etwas damit anfangen können. Zur Seite mit dem Video der Präsentation: Some anatomical insights into Structure verticale.

5. Januar 2022 von Kai Yves Linden
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Literatur

Das Leben lügt nicht

An manchen Tagen höre und lese ich so viele schlechte Nachrichten aus der Welt, von Menschen, die unter Ungerechtigkeit und Willkür leiden müssen, dass am Ende fast nur noch Zweifel übrig bleibt. Unter denen, die verfolgt, gequält und eingesperrt werden, auch heute, auch in Europa, sind Dichter und Dichterinnen. Stellvertretend für so viele von ihnen zitiere ich hier die Zeilen eines Gedichtes von İlhan Sami Çomak, einem kurdisch-türkischen Dichter, in meiner eigenen Nachübersetzung einer Übersetzung von Caroline Stockford ins Englische.[1] Gedichte sind ein Mittel, uns zweifeln zu lassen, aber nicht verzweifeln. Çomak, 1973 in der ostanatolischen Provinz Bingöl geboren, wurde 1994 unter dem Vorwurf verhaftet einen Waldbrand gelegt zu haben, was er unter Folter gestand, später aber widerrief, und wird seither, also seit fast 27 Jahren, an wechselnden Orten in der Türkei gefangen gehalten.

Das Leben lügt nicht

Ich bin zwischen Mond und Flut.
Zwischen Flüstern und Schrei.
Als Kind hatte ich noch die Handschrift eines Kindes,
ich war Geisel des granatapfelnen Lächelns meiner Mutter.
Wenn ich aus dem Fenster in das volle Licht des Gartens blickte,
die Philosophie von Händen schauend, die Früchte vom Baum pflücken,
in jenen Zeiten, als wir noch die Laute der Frösche hörten,
als Frauen durch mein Leben gingen, war der See blau
und ich kannte den Wert des Blaus.
Ich verstehe Schmerz, desgleichen, auf den Stufen des Lebens.

Am Tag meiner Geburt stieg der Wind auf um zu mir zu kommen,
setzte sich beständig wie Tau, als das Gras meine Füße grüßte
und erwachsene Feuer zahlreich wuchsen in meinem Körper,
wo, wie Tauben, meine Gefühle dem Rauschen von Flügeln glichen.
Im Kleid des Frühlings höre ich den Klang der Reinigung.
Ich höre Fußschritte von Ebenen, Bergen, das Gesetz der Schneeschmelze.
Erde zeugt Dampf in meinem Gedächtnis, Frucht reift.
Das Gewicht von Stein lässt Gebräuche leicht werden, fließen
und ‒ wenn man es wünscht ‒ zittern.

An meinem Ort zwischen Ungemach und Wohlsein
höre ich das Lied vom Glücklichsein aus der Welt,
in der Wohlwollen blüht.
Das Leben lügt nicht! sage ich,
es lügt nicht.

(İlhan Sami Çomak)

1. Die englische Übersetzung des Gedichtes wurde vor einem Jahr auf der Çomak gewidmeten Web-Seite ilhancomak.com veröffentlicht (Life does not lie), die momentan leider offline ist.

5. Juli 2021 von Kai Yves Linden
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Dies und das

Auf ein gutes Jahr 2021!

Ein neues Jahr hat begonnen. Der Lockdown des vergangenen Jahres hält noch an, aber wir hoffen, dass wir bald wieder gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten aufnehmen können, auf die wir schon einige Monate auf Grund der Pandemie verzichten mussten. Für meine Freunde und für die Besucher dieser Web-Site habe ich einen musikalischen Neujahrsgruß aus Samples montiert, der mit der Andeutung von Tanzschritten dieser Hoffnung Ausdruck verleiht. Das Material besteht im Einzelnen aus

  • Querflöte (vorwärts und rückwärts abgespielt, Ausschnitte aus einer Studie zur neuen Fassung von Vertikale Struktur, an der ich zur Zeit arbeite),
  • mit der Hand angeschlagenen Vasen (eine runde Blumenvase und ein Weindekanter) und
  • elektronischen Klängen (Modulationen von Luft-Pizzicati der Flöte).

Mein Gruß ist mit dem Wunsch verbunden, dass das Jahr viele Anregungen und interessante Begegnungen bringen wird.

Zur Seite zum Abspielen der Klangdatei: Neujahrsgruß 2021.

3. Januar 2021 von Kai Yves Linden
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kymbala

Verschlankung

Viele Dinge interessieren mich, vielleicht zu viele. Oft ist meine Beschäftigung mit diesen eher oberflächlich, kann doch niemand vielseitig sein und zugleich überall in die Tiefe gehen ‒ außer das Universalgenie, das es nicht gibt. Das Ideal enzyklopädischer Universalität erscheint mir nicht wirklich anstrebenswert, auf jeden Fall unerreichbar, allein schon, weil alle Erscheinungen der Welt in ständigem Werden und Vergehen begriffen sind. Weiterlesen →

23. Oktober 2019 von Kai Yves Linden
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Musik

Das Licht, vom Dunkel geordnet

Vor einem Jahr, am 18. Juli 2018, ist der Komponist Wolfgang Hufschmidt vierundachtzigjährig verstorben. Ich habe ein wenig schlechtes Gewissen, denn das vorletzte Mal, als ich ihn bei einem Konzert sah, hatte ich versprochen, dass ich ihn mit einer Weinflasche besuchen werde. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen. Das letzte Mal begegnete ich ihm wieder bei einem Konzert, da schien er mir schon gesundheitlich angeschlagen. Fünf anregende Jahre lang, die mein Denken beeinflusst und erweitert haben, nicht nur das musikalische, von 1982 bis 1987, war er mein Kompositionslehrer. Weiterlesen →

18. Juli 2019 von Kai Yves Linden
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Musik

Das Ende aller Zeit

Weiße Rosen, tongetrennt Vor ein paar Wochen stolperte ich beim Aufräumen meiner privaten Archive über eine Instrumentierung des Præludiums Nr. 10 e-Moll aus dem ersten Band von Bachs Wohltemperierten Klavier, die ich 2000 für eine GM-kompatible Synthesizer-Disposition angefertigt hatte. Damals hatte ich zu meiner Bearbeitung notiert:

Mir gefällt an diesem Stück von Bach besonders die ein- und ausfedernde Bewegung von einem harmonisch-melodischen Punkt zu einem anderen. Die formale Asymmetrie des Præludiums deutet vielleicht an, dass die Bewegung gewissermaßen nur in eine Richtung zielt. Dies habe ich durch gelegentlichen Druck auf die Stimmung der flötenartigen Solostimmen zu unterstreichen versucht. Weiterlesen →

15. Juni 2019 von Kai Yves Linden
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Fotogalerien

Ölgangsinsel

Ölgangsinsel Das Naturschutzgebiet Ölgangsinsel umfasst das Gebiet einer einstigen Insel des Rheins und eines verlandeten Nebenarms, der nur noch bei Hochwasser durchflutet wird. Es liegt zwischen dem Düsseldorfer Stadtteil Heerdt, den Häfen von Düsseldorf und Neuss und der Hammer Eisenbahnbrücke, von deren Neusser Seite aus der Zugang zu Fuß möglich ist. Die heutige Halbinsel, die wie ein Rest natürlicher Flusslandschaft erscheint, wurde einige Jahrzehnte lang als Forst für die Nutzung von Pappelholz bewirtschaftet, bevor sie 1977 als Schutzgebiet ausgewiesen wurde. Seitdem wird die Entwicklung der Vegetation der natürlichen Sukzession überlassen, was Nicht-Biologen wie ich mit „alles einfach wachsen lassen“ umschreiben. Weiterlesen →

14. April 2019 von Kai Yves Linden
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Dies und das

Der automatisierte Mensch

Auf meinem Weg von der Arbeitsstätte nachhause komme ich über eine große Kreuzung. Letztens wurde ich hier Zeuge einer merkwürdigen Szene an einem Fußgänger- und Fahrradübergang. Anders als in anderen Städten haben die Fußgängerampeln in Düsseldorf eine gelbe Phase. Ein leichtsinniger Radfahrer befuhr den Übergang, als die Ampel bereits von Grün auf Gelb wechselte. Als er etwa die beiden ersten von fünf Kraftfahrzeugspuren hinter sich hatte, sprang die Ampel für die vor dem Übergang wartenden Autofahrer auf Grün um, die daraufhin unverzüglich auf drei Spuren losfuhren. Weiterlesen →

9. August 2018 von Kai Yves Linden
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