Physikalisch virtuell

Letztes Jahr habe ich mir ein ROLI Seaboard 2, eine ausdruckssensitive MIDI-Tastatur, aus England schicken lassen. Es unterstützt MPE, eine Erweiterung des MIDI-Protokolls (MIDI Polyphonic Expression). Die Oberfläche aus Silikon registriert Druck und Bewegungen der Finger auch zwischen Tasten, die durch Erhöhungen und Vertiefungen eher angedeutet sind, sowie auf den glatten Flächen darüber und darunter. Seitliche Bewegung ändert die Intonation wie auf dem Griffbrett eines Saiteninstruments (ohne Bünde), eine Verlagerung der vertikalen Position auf der Taste kann etwa eine Klangfarbenänderung auslösen.

Die allermeisten Presets des gebündelten Software-Synthesizers Equator entsprechen nicht meinem Geschmack, sie erinnern mich in ihrer Ästhetik an Kino- und Jahrmarktsorgeln. Die nuancierteren Presets, die an analoge Hammond Orgeln oder Rhodes Pianos angelehnt sind, eignen sich gut für ein erstes Ausprobieren des Keyboards. Aber wenn auch MPE noch nicht überall verbreitet ist, ist man nicht auf die gebündelte Software angewiesen. Sehr positiv hervorzuheben ist die Unterstützung durch ROLI von Max mit einem Package von Objekten und Beispiel-Patches, sodass das Seaboard mit etwas Arbeit und Kreativität zur Steuerung eines handgemachten Setups wie etwa eines eigenen Synthesizers verwendet werden kann.

Meine Liebe zu den Instrumenten des klassischen Orchesters hat mich aber schließlich überredet, eine Sammlung von virtuellen Instrumenten der italienischen Audio-Software-Schmiede Audio Modeling zu kaufen, die ihren Ansatz “Synchronous Waves Acoustic Modeling” nennen, als Akronym SWAM. Das SWAM Solo Instruments Bundle umfasst solistische Holz- und Blechbläser und Streicher. Die von der Firma entwickelte SWAM Engine basiert u.a. auf physikalischer Modellierung (Physical Modeling) und phasensynchroner Granularsynthese und kommt ohne Samples, also ohne einen Katalog von aufgezeichneten Einzelklängen der abzubildenden Instrumente aus. Vorteile dieses Ansatzes sind nicht nur das Fehlen der Einflüsse von Raum und Mikrofonierung der Sample-Aufzeichnung und der nebenbei erheblich geringere Speicherbedarf, sondern vor allem die größere Flexibilität in Bezug auf die verschiedenen Einflussfaktoren der Klangerzeugung. Auf einem geeigneten Steuerungsgerät (MIDI Controller) gespielt, fühlt sich ein solches Instrument „natürlich“ an. Es ergibt sich ein Zusammenhang zwischen Spielweise und Klangergebnis, der zwar den Wirkungsverhältnissen eines „echten“ Instruments nicht vollkommen entspricht, aber ihnen ähnelt.

Eine Tastatur wie das Seaboard erscheint als Steuerungsinstrument zunächst unmittelbar geeignet. Um Klangänderungen herzustellen, muss kein Schalter betätigt werden (etwa ein Key switch). Vielmehr bestimmt der Anschlag (velocity, lift velocity) die Artikulation (Legato, Non legato, Staccato, …), die Position auf der Taste etwa die Lage des Bogens zwischen Griffbrett und Steg, wobei gleitende Übergänge möglich sind.

Allerdings können die Ausdrucksmöglichkeiten über die einzelnen Tasten zu einem Missverständnis bezüglich der Klangerzeugung auf dem imitierten Blas- oder Streichinstrument verleiten, wie es auch mir anfangs unterlaufen ist. Das Finger-Legato eines Pianisten bindet die Noten durch eine minimale Überblendung. Aber bei monodischen Instrumenten ist nicht jeder Anregungsvermittler einem einzelnen Wandler zugeordnet, wie bei einem Klavier jede Taste jeweils einer Saite bzw. einem Saitenchor. Bei Blasinstrumenten wird die durch den Atem erzeugte Luftsäule durch eine Platte wie bei der Flöte oder ein Rohrblatt wie bei der Oboe gewandelt und durch Öffnen von seitlichen Löchern gespalten, um die Tonhöhe zu variieren; bei einem Streichinstrument wird die Saite von der durch den Bogen vermittelten Bewegung der einen Hand in Schwingung versetzt und von den Fingern der anderen Hand, die auf dem Griffbrett aufsetzend die Länge der Schwingung ändern, in der Tonhöhe bestimmt. Die Koppelung von Anregung und Tonhöhenänderung ist also eine ganz andere: Bei einem Legato wird die Anregung kontinuierlich fortgesetzt, während die Tonhöhe durch Öffnen und Schließen von Löchern oder Abteilen der Saite geändert wird. Nur beim Wechsel zu einer anderen Saite ähnelt ein gebundener Übergang dem Finger-Legato auf dem Klavier.

Daraus folgt, dass das Legato-Spiel auch bei einem virtuellen Instrument zwei unterschiedliche Steuerelemente erfordert: eines zur Steuerung der Tonhöhe, z.B. die Tasten, und ein zweites zur Steuerung der Energie (bei MIDI bzw. MPE meistens als Channel Pressure dargestellt), etwa ein Steuerrad, ein Hebel, eine berührungsempfindliche Fläche oder ein Pedal. Beim Seaboard setzt dies voraus, die Druckverfolgung der Tastatur zu deaktivieren (Press Tracking Disabled) und Channel Pressure stattdessen einem der berührungsempfindlichen Fader-Flächen oder einem am Pedaleingang angeschlossenen Steuergerät zuzuordnen. Damit die Daten zusammen kommen, gilt es außerdem den permanenten Kanalwechsel bei MPE zu vermeiden, indem das Seaboard auf Einzelkanalmodus (Single Channel MIDI Mode) gestellt wird. Wenn man jedoch Channel Pressure (oder alternativ Aftertouch) über die Tastatur statt über einen angeschlossenen Controller steuert, entsteht im Single Channel Mode ein sehr abgehacktes Kurvenbild, denn das Seaboard bricht bei jedem neuen Tastenanschlag die vorherige Kurve ab und beginnt eine neue bei 0. Ich habe in Reaper ‒ die beste DAW-Software, die ich kenne, nicht nur wegen der Skriptfähigkeit ‒ ein paar Skripte geschrieben, welche die Kurven ein wenig glätten. Die einzige wirkliche Abhilfe ist jedoch, wie beschrieben, im Einzelkanalmodus ganz auf die Druckinformationen der Tastatur zu verzichten und stattdessen einen Controller zu verwenden, der von der Tastatur entkoppelt ist.

Ein weiterer Tipp zum Seaboard: Ein fragwürdiges Merkmal ist “Semitone Legato” – wer nicht ein übertriebenes Portamento bei allen Halbtönen haben möchte, sollte dieses grundsätzlich deaktivieren.

Um die virtuellen Instrumente und ihr Zusammenspiel auszuprobieren und dafür einen Maßstab zu haben, habe ich ein Stück von Grieg genommen und es für ein kleines Orchester gesetzt. Dabei habe ich einiges über die verwendete Hardware und Software gelernt, aber auch über die imitierten Instrumente. Meine Bewunderung für die hohe Kunst von ausgebildeten Musikern ist bei dieser Gelegenheit nur gestiegen. Auch ohne von der ausgewählten Vorlage nicht gestellte spieltechnische Herausforderungen ist mir noch einmal bewusster geworden, wieviel minutiöse Koordinierung notwendig ist, um eine musikalische Wirkung zu erzielen.

Statt wie bisher bei Instrumentierungen die Partitur zu schreiben, mit Ausdrucksbezeichnungen zu versehen und dem Notationsprogramm bei der MIDI-Darstellung gegebenenfalls mit zusätzlichen Steuerungsanweisungen auf die Sprünge zu helfen, habe ich diesmal alle Stimmen nacheinander einzeln eingespielt. Einem nur ungefähren Plan folgend konnte ich dabei auch ein wenig improvisieren. Die Anlage der Bearbeitung ist weitgehend der Motivation geschuldet, das virtuelle Orchester zu evaluieren, wobei ich durch die Ausarbeitung auch zu einem neuen Verständnis des Stücks von Grieg gelangt bin („Illusion“ aus den Lyrischen Stücken op.57). Die Variante des klimaktischen Aufschwungs, den ich als Tutti umgesetzt habe, in der unteren Mediante mit Halbton statt Ganzton als Nebenton ist mir am Klavier zuvor nicht so verbogen und im Wortsinn deprimiert (zusammengedrückt) vorgekommen. Vielleicht überarbeite ich die Bearbeitung demnächst noch einmal, um sie noch pointierter zu machen ‒ ein paar Ideen dazu habe ich, allerdings birgt die einfache Motivik des kleinen Stücks die Gefahr eines Ohrwurms, sodass ich es erst einmal bei der ersten Fassung belassen will. Sie ist hier zu hören.


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