Musik

Tonalität des Zufalls

JahrhunderthalleIn diesen Wochen, im Jahr, an dessen 5. September John Cage 100 geworden wäre, werden seine Europeras 1&2 bei der Ruhrtriennale wieder auf einer Bühne aufgeführt. Ein ganzes Vierteljahrhundert ist vergangen, seitdem John Cage den Europäern zum ersten Mal ihre Opern zurückschickte. (So die vielzitierte Erklärung des Wortspiels des Titels: For two hundred years the Europeans have been sending us their operas. Now I am returning all of them.) Damals hatten Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn – von Gary Bertini mit der Chefdramaturgie der Oper Frankfurt am Main betraut – den Komponisten gefragt, ob er eine Oper schreiben könne, die sich von allen existierenden unterscheide.

Cages Beitrag zur Gattung[1] schöpft aus ihrem Fundus und stellt diesen selbst als Readymade auf die Bühne, ein Readymade, das die Handlungsstränge und Affektdarstellungen der Oper durch seine virtuelle Vollständigkeit transzendiert, in der das Drama sich als reines Spiel aufhebt. Außer der instrumentalen Begleitung und den Gesangspartien (der Auswahl der Arien) wurden (bzw. werden bei der Vorbereitung der Aufführung) auch Kostüme, Requisiten, Szene und Auftritte (unter Einbeziehung von Tänzern, Statisten, Maskenbildnern und Bühnenassistenten), Bühnenbild und Licht Zufallsverfahren unterworfen und dabei in ihrem Zusammenspiel weitgehend voneinander entkoppelt. Ab und zu durchfahren dichte, kompakte Klangeinspielungen den Aufführungsraum, von Cage truckeras genannt, “Klang-Trucks”, in denen so viele Ausschnitte aus Opern übereinander geschichtet sind, dass sie als gefärbtes Rauschen erscheinen, und verweisen darauf, dass es sich beim Bühnengeschehen bei aller Gleichzeitigkeit nur um einen Ausschnitt aus dem Raumzeitkontinuum handelt.

Die virtuelle Weite des Raums wird in der Bochumer Jahrhunderthalle durch eine dort mögliche ungewöhnliche Bühnentiefe von 90 Metern erfahrbar gemacht. (Das kurz vor Beginn der Aufführung entstandene Foto vermittelt nur eine Ahnung davon.)[2] Die Inszenierung der ersten Europera in Bochum zeichnet sich durch einen ständigen Auf- und Abbau von Bühnenelementen aus, wobei der Abbau durchaus eine desillusionierende Qualität hat, die der Zuschauer – jedenfalls ging es mir so – erst nach und nach als ästhetisches Moment zu erleben lernt. Die zweite Oper ist zwar nur halb so lang wie die erste, erscheint aber wegen der Beschränkung auf ein einziges Bühnenbild wie eine überlange Szene – die sie wegen der Beliebigkeit der Bestandteile ebensowenig ist wie die erste Oper.

Paradox ist, wie schon Metzger und Riehn bemerkt haben[3], dass die Gleichzeitigkeit verschiedener Tonarten nicht polytonal, sondern durchaus tonal klingt. Die Wirkungselemente dieser Tonalität sind unterschiedlich: Sie rührt einerseits wahrscheinlich aus der Häufigkeit von Tonwiederholungen und Pendelbewegungen in den Instrumentalstimmen, auf die Cage diesen Eindruck zurückführte, wohl aber auch aus der durch die Musik des späten 19. und des 20. Jahrhunderts geprägten Gewohnheit, komplexere Tonschichtungen als erweiterte Klanggebilde mit transitiven Elementen zu verstehen. Manchmal erinnerte mich das Ergebnis auch an fluktuierend gebrochene vieltönige Tonstapel, wie sie besonders häufig in Musik der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auftraten (nach dem Vorbild früherer Beispiele wie dem ersten Satz von Anton Weberns Symphonie von 1928), wo eine harmonische Innenbewegung die Rolle von Akkordwechseln übernahm, die durch das für eine Zeitspanne beibehaltene Material ebenfalls einen tonalitätsähnlichen Charakter erhält. Auf jeden Fall garantiert das bei Cage vorgebene, durch Zufallsverfahren gewonnene Zeitskelett, dass die verschiedensten Konstellationen – aber auch die ähnlichsten von allen möglichen entstehen können. Die Gesamtwirkung ist kein Durcheinander, sondern eine lockere, gewissermaßen entspannte Polyphonie.

1. John Cage (1912-1992): Europeras 1&2 (1987), Musiktheater aus 128 Opern in 32 Bildern, die ersten beiden von fünf zwischen 1987 und 1991 entstandenen Europeras.
2. Die Regie führt Heiner Goebbels, der diesjährige Intendant der Ruhrtriennale. Die letzte der sechs ausverkauften Aufführungen findet am kommenden Sonntag statt.
3. Gespräch zwischen Metzger, Riehn und Cage, veröffentlicht in: Heinz-Klaus Metzger: Die freigelassene Musik. Schriften zu John Cage (Klever Verlag, Wien, 2012)

31. August 2012 von Kai Yves Linden
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