Dies und das

Geteilte Aufmerksamkeit

Die geteilte Aufmerksamkeit, in den von Nebenläufigkeit und Gleichzeitigkeit bestimmten Lebenszusammenhängen einer Großstadt eine geradezu lebenswichtige Rezeptionstechnik, hat beim Menschen natürliche Grenzen. Im Verkehrsraum etwa kommt, aufgrund des tagsüber oft permanenten Umgebungslärms, den Augen eine erhöhte Bedeutung als Rezeptionsorgan zu; die Augen kann man jedoch nicht überall haben, nicht zugleich links und rechts, vorne und hinten, oben und unten. Heute erst habe ich gesehen, dass es anscheinend Autofahrer gibt, die es als ausreichend sicher ansehen mit nach unten gerichtetem Blick noch den Gurtanschluss zu suchen, während das Auto schon über die Straße auf einen kreuzenden Radweg zurollt. Aber auch wenn unsere Sinne uns ständig mit allen Reizen versorgen würden, die unsere Umgebung aussendet oder bereitstellt, unser Gehirn wäre kaum in der Lage zwei zur gleichen Zeit gleichermaßen gut und in optimaler Geschwindigkeit zu verarbeiten. Wir müssen also unsere Aufmerksamkeit ausrichten und verteilen, was nicht nur Leistungsvermögen bei der Verarbeitung der Sinnesreize, das bei etwa zwanzig Lebensjahren am besten entwickelt ist, sondern auch Erfahrung erfordert, die mitunter erst etwas später erworben wird. Weiterlesen →

16. Mai 2018 von Kai Yves Linden
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Musik

Uraufführung

Treppe Am 12. Juli 2017 wird ein Stück aufgeführt, an dem ich nun mehr als ein Jahr in meiner freien Zeit gearbeitet habe: Vertikale Struktur. Als ich es das letzte Mal gehört habe, am vergangenen Samstag in einer Probe mit der Flötistin Anne Horstmann, mit der ich das Stück erarbeitet habe, ging es fast wie im Flug an mir vorbei. Ich war versucht, die Hand auszustrecken, um es festzuhalten. Aber Scherz beiseite, die Probe war sehr glücklich, es waren zwei Durchgänge, die teilweise unterschiedlich ausgefallen sind, aber beide problemlos geklappt haben. An den Unterschieden war zu erkennen, dass die elektronischen Transformationen sehr sensibel auf Unterschiede im Flötenspektrum reagieren, was mir sehr gut gefällt, denn es unterstreicht die Unmittelbarkeit des Verhältnisses zwischen Flöte und Elektronik und die Einmaligkeit einer Aufführung. Weiterlesen →

4. Juli 2017 von Kai Yves Linden
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Musik

Klang und Musik: Verzerrung

Viele Musikinstrumente weisen in ihrer jeweiligen tiefen Lage eine nur schwache erste Harmonische auf, die dennoch deutlich als Grundton erkannt wird. Abstrakter formuliert handelt es sich um das Phänomen, dass die Tonhöhe, die dem Grundton eines harmonischen Spektrum entspricht, auch dann wahrgenommen wird, wenn dieser nur schwach oder gar nicht vorhanden ist. Dieses hat die psychoakustische Forschung schon im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigt; verschiedene Hypothesen wurden aufgestellt um es zu erklären; bis heute werden einige Aspekte kontrovers diskutiert. Besonders spannend finde ich, dass wir teilweise auch Spektren als „Ton“ hören, bei denen die Frequenzbeziehungen zwischen den einzelnen Komponenten nicht harmonisch sind, nicht also als „Klang“. Weiterlesen →

26. Dezember 2016 von Kai Yves Linden
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Musik

Gefaltetes Papier

Philippe Manourys Orchesterstück Sound and Fury wurde vor ein paar Tagen zum zweiten Mal nach siebzehn Jahren, in einer neuen Fassung, uraufgeführt. Es ist eine Musik, in der Klangrede und Klangentfaltung aus einander hervorgehen, die dabei immer wieder an einem Ort stehen zu bleiben scheint, sich auflädt, um sich dann woanders hinzuwenden. Manoury weist in einem Interview anlässlich des Konzertes auf die von Marcel Proust entwickelte literarische Technik der Paperolles als Vorbild hin, eine in der französischen Literaturwissenschaft aufgekommene Bezeichnung, die das Verweben von Erzählsträngen mit dem Falten von Papier zu ornamentalen Mustern vergleicht. Weiterlesen →

31. Oktober 2016 von Kai Yves Linden
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Musik

Klang und Musik: Töne

Unsere Wahrnehmung vereinfacht und ordnet die Welt, sodass wir uns in ihr orientieren können. Zugleich haben wir grundsätzlich die Fähigkeit, Vielgliedrigkeit und Unregelmäßigkeit der Erscheinungen zu erkennen, die wir im Alltag als Objekte zusammenfassen. Dies gilt auch für das auditive System: Es ermöglicht uns, einen Strom von akustischen Reizen auf unseren existenziellen Horizont (unsere Lebenswirklichkeit im Alltag) zu beziehen. Aber es betrügt uns auch. Weiterlesen →

21. Juli 2016 von Kai Yves Linden
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Dies und das

April

In den Mauresköthen Das Wetter in diesem April entspricht vollkommen der ihm nachgesagten Wechselhaftigkeit. Am gleichen Tag regnet, hagelt es, Wolken sammeln sich rasch zu dunkeler werdenden Haufen und brechen wieder auf, um das Sonnenlicht hindurchzulassen und vielleicht einen Regenbogen entstehen zu lassen. Manchmal entstehen dabei Lichtstimmungen, die selbst verkommene Orte des Durchgangs, wie etwa die an einer Eisenbahnbrücke gelegene Straßenkreuzung auf dem Foto, ein wenig verzaubern. Die letzten Sonnenstrahlen eines Tages erinnern mich immer wieder, besonders wenn sie sich wie hier durch eine ungleiche Ausleuchtung als solche bemerkbar machen, an ein Gedicht des sizilianischen Dichters Salvatore Quasimodo, das aus nur drei Zeilen besteht, aber wahrscheinlich sein bekanntestes ist:

Jeder steht allein auf dem Herzen der Erde,
durchbohrt von einem Strahl der Sonne:
Und mit einem Mal ist es Abend.

9. April 2016 von Kai Yves Linden
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Dies und das

Winterbeginn

Eliasson: Berlin Colour Sphere (Detail) Heute Morgen um 5:48 MEZ begann wieder der astronomische Winter. Der Nordpol befindet sich jetzt mitten in der Polarnacht, aber unsere Tage werden nun wieder länger. Vor vier Jahren hatte ich mein angelesenes Wissen über den Sonnenlauf in ein paar Zeilen zusammengefasst. Dabei hatte ich einen Aspekt vernachlässigt, den ich inzwischen besonders interessant finde: Einige mit der Sonnenwende verbundene Zusammenhänge treten nicht zur gleichen Zeit ein. Der späteste Sonnenaufgang etwa fällt in diesem Jahr auf den Neujahrstag. Dies hängt mit verschiedenen geographischen und astronomischen Gegebenheiten zusammen, die in allen größeren Enzyklopädien nachzulesen sind. Dass Strukturen in der Natur selten orthogonal kongruieren, sondern sich vielfältig überlagern und mehr oder weniger divergieren, wobei Nahtstellen oft nur lockere Berührungen sind, veranschaulichen sehr schön Kunstwerke wie die Berliner Farbkugel von Olafur Eliasson[1], die ich im (kalendarischen) Spätsommer in der Langen Foundation gesehen habe. (Die Ausstellung[2] wurde übrigens inzwischen bis zum 21. Februar 2016 verlängert.)

1. Berlin Colour Sphere (Dokumentation mit Fotos im Archivbereich des Web-Auftrittes von Olafur Eliasson).
2. Olafur Eliasson. Werke aus der Sammlung Boros 1994-2015. Langen Foundation, Raketenstation Hombroich.

22. Dezember 2015 von Kai Yves Linden
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Musik

Alone with the Blues

[This article is a translation of the previous post.] No, the one who got the blues is not me. The world gives reasons for despair and for joy. At least I’m in the happy state to not suffer love sickness. The title just alludes to a jazz standard which I’ve arranged for brass quintet (in the standard instrumentation of two trumpets, french horn, trombone and tuba), as a kind of compositional exercise: A Woman Alone With the Blues. Weiterlesen →

18. November 2015 von Kai Yves Linden
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Musik

Allein mit dem Blues

A Woman Alone With the Blues Nein, nicht ich bin es, der den Blues hat. Die Welt gibt zwar genug Anlass, an ihr zu verzweifeln ‒ aber auch genug, sich gut zu fühlen. Und ich habe das Glück keinen Liebeskummer zu haben. Es handelt sich um den Titel eines Jazz-Standards, den ich als eine Art kompositorische Fingerübung für fünf Blechbläser (in der Standardbesetzung von zwei Trompeten, Horn, Posaune und Tuba) bearbeitet habe: A Woman Alone With the Blues. Weiterlesen →

17. November 2015 von Kai Yves Linden
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Musik

Lebewohl

Bernd Wiesemann, August 2009 Mit Bernd Wiesemann habe ich einen Freund verloren, der mich einen großen Teil meines Lebens als Musiker und Mensch begleitet hat. Ein Kind des Fluxus, war ihm Offenheit nicht nur Programm, sondern Natur. Das Düsseldorfer Musikleben wäre ohne ihn, der als Initiator und Kurator Konzertreihen wie forum 20 (1990-2000), das nicht nur für Düsseldorf beispielhaft war, konzipierte und unermüdlich organisierte, um ein Vielfaches ärmer gewesen. Er war ein pianistisch geerdeter, vielseitig begabter Musiker, der als Improvisator und Komponist in verschiedene Richtungen ging, ohne Scheu vor dem Risiko, oft mit Augenzwinkern, doch mit (manchmal unerwartetem) tiefem Ernst. Er hatte noch viele Projekte im Kopf, deren Realisierung uns — mir und anderen Freunden neuer und freier Musik — viel Freude bereitet hätten. Gestern verstarb Bernd Wiesemann nach kurzer schwerer Krankheit.

11. August 2015 von Kai Yves Linden
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