Musik

San Francisco Polyphony

Wergo 60076 San Francisco Polyphony ist der Titel eines Orchesterstücks von György Ligeti. Es beginnt mit einem dichten Stimmengewirr, als würden sich die Musiker des Orchesters noch einspielen. Bald kristallieren sich jedoch melodische und rhythmische Konturen aus dem Durcheinander heraus, die sich ablösen und überlappen. Als ich es zum ersten Mal in einer Schallplattenaufnahme hörte, hat mich der Strudel der melodischen Linien und Fragmente unmittelbar mitgerissen, mehr als zuvor bei anderen Stücken von Ligeti. Die außermusikalischen Assoziationen, die schon der Titel in mir auslöste, der leichte und helle Grundcharakter der Musik, aber auch die Momente von Bedrohung und Erschrecken gegen Ende des Stückes entsprachen meinem Lebensgefühl in dieser Zeit.

Das etwa zwölf Minuten dauernde Stück entstand 1973/74 und steht am Ende einer stilistischen Entwicklung, die fünfzehn Jahre zuvor mit dem Orchesterstück Apparitions, nach Ligetis Flucht aus Ungarn in den Westen und der Begegnung mit der damaligen, noch ganz von serialistichen Ordnungsprinzipien geprägten musikalischen Avantgarde, begonnen hatte. Ligeti hatte aus der serialistischen Tendenz zu einer statistischen Betrachtung der Klangereignisse seine eigene Konsequenzen gezogen, die seinem die Subjektivität künstlerischen Ausdruckes beanspruchenden Selbstverständnis entsprach. Diese durchaus konservative Haltung war jedoch in keiner Weise restaurativ. Ligeti pochte stets darauf, dass ein Künstler zu Originalität verpflichtet sei, was für ihn vor allem bedeutete, etwas Neues zu finden.

Die Technik der von ihm sogenannten Mikropolyphonie, einer auf die Spitze getriebenen Vielstimmigkeit, in welcher die einzelnen Stimmen in flächige Texturen und übergeordnete Tonraumbewegungen aufgehen, beeinflusste die zeitgenössische Musik vielfach und nachhaltig. Im Verlauf dieser stilistischen Phase raute Ligeti die Konturen der Flächen jedoch zunehmend auf. In einem Einführungstext schrieb er später über diese Entwicklung:

Während meine Musik in den späten fünfziger Jahren hauptsächlich auf der „Mikropolyphonie” beruhte, d.h. auf der Technik der engen und dichten Verquickung von Instrumentalstimmen (auch von Vokalstimmen), strebte ich etwa ab der Mitte der sechziger Jahre in die Richtung einer Polyphonie, die transparenter, klarer gezeichnet, dünner und spröder war. Die statischen, sich verwischenden Klangnetze wurden immer mehr durchgeleuchtet; divergente, heterogene und kontrastierende musikalische Bewegungsabläufe nisteten sich in die komplexen Klangnetze ein. […] Sowohl in „Melodien” [für kleines Orchester, 1971] als auch in „San Francisco Polyphony” gibt es einen übergeordneten Formablauf, eine Planung der Intervallik und Harmonik, die die heterogenen melodischen Stimmen wie in eine Art Magnetfeld ordnet. […] Es entsteht ein Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos: die einzelnen melodischen Linien und Gestalten sind in sich geschlossen und geordnet; ihre Kombination, sowohl simultan wie sukzessiv ist chaotisch; in der Großform schließlich, im übergeordneten Ablauf der musikalischen Geschehnisse, manifestiert sich wiederum Ordnung – man sollte sich einzelne Gegenstände vorstellen, die in riesiger Unordnung in eine Schublade geworfen wurden, doch die Schublade selbst hat wiederum eine definierte Form.

Zum Titel hat sich Ligeti nicht erklärt. Er ist einerseits als einfacher Hinweis auf den Auftrag durch das Orchester der Stadt, San Francisco Symphony zu verstehen – ähnlich den Beinamen bekannter Werke, die diese dem Ort der Entstehung oder Erstaufführung zuordnen, wie etwa bei der Pariser oder der Linzer Sinfonie von Mozart, suggerierend, es sei etwas vom Genius loci in der Musik. Andererseits kann der Titel auch als Hinweis auf Nebeneinander und Gleichzeitigkeit in einer großen Stadt gedeutet werden, womit die Polyphonie der Musik, ohne dass sie es illustrierte, durchaus verglichen werden kann. Die Erinnerung an dieses Stück hat mich bei meinen Rundgängen durch San Francisco im vergangenen Jahr begleitet, weshalb ich eine Auswahl von Fotos in meinem Fotoblog auch, als Hommage an Ligeti, nach dem Stück benannt habe.

In fast allen Stücken von Ligeti kehren bestimmte Tonraumkonstellationen wieder, symbolische Chiffren, gewissermaßen idées fixes seines Œuvres. Eine davon ist eine ausfransende Bewegung an die extremen Ränder Tonraums. Viele Stücke enden mit dieser Geste einer von schwindelnder Höhe und verschlingendem Abgrund begrenzten Leere, die in San Francisco Polyphony hingegen durch ein katastrophales Moment erweitert wird, eingeleitet durch einen explosiven Knall – der die Assoziation an irgendeinen Unfall in einem industriellen Umkreis bei mir auslöst – von dem sich die Musik noch einmal erholt, um das Stück mit einer fast burlesken, wegwischenden Schlussgeste zu beenden.

Die erste Schallplatteneinspielung von Elgar Howarth mit dem Schwedischen Rundfunk-Sinfonieorchester erschien 1976 (das Original-Cover ist oben abgebildet).[1] Sie ist eher flächig und auf die Darstellung des Gesamtablaufes angelegt. Jonathan Nott arbeitete 2001 mit den Berliner Philharmonikern mehr Detail heraus und gestaltete die formale Anlage durch die sorgfältige Ausarbeitung der Schaltstellen plausibler.[2]

1. Sveriges Radios Symfoniorkester, dir. Elgar Howarth; veröffentlicht in verschiedenen Zusammenstellungen mit anderen Stücken auf LP und später auf CD vom Label Wergo.
2. Berliner Philharmoniker, dir. Jonathan Nott; veröffentlicht auf CD vom Label Teldec in der Reihe The Ligeti Project, auch als Set (5 CDs) erhältlich.

27. Februar 2013 von Kai Yves Linden
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