Computer-Musik

Schneidemaschine

Die Idee, Klänge als Material aufzuzeichnen, um sie in musikalischen Darbietungen neu anzuordnen, wurde am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durch die technischen Möglichkeiten nahegelegt. Etwa gegen Ende der zwanziger Jahren wurden verschiedene mechanische Musikinstrumente auf dieser Grundlage erfunden, die bald wieder vergessen wurden.

Die Weiterentwicklung der am Anfang des Jahrhunderts erfundenen magnetischen Tonaufzeichnung regte neue ästhetische Konzepte an, die Aufzeichnung, Bearbeitung und Wiedergabe akustischen Materials vom Vorbild des Musikinstruments mit Stellelementen (wie z.B. Tasten) lösten, wie das der Musique concrète, deren Protagonisten Ende der vierziger Jahre, nach dem Ende des Weltkrieges, an die Öffentlichkeit gingen. Etwa zur gleichen Zeit entwickelten Komponisten theoretische und ästhetische Grundlagen für eine synthetische elektroakustische Musik, die ihren Ausgang von den physikalischen Eigenschaften des Klangs nahm, die durch neue technische Möglichkeiten wie Messgeräte und Signalerzeuger gewissermaßen mikroskopisch analysiert werden konnten.

In den siebziger Jahren kamen Mikroprozessoren auf den Markt, bald danach die ersten Sampler (und Mitte der achtziger Jahre solche, deren Klangqualität höheren Ansprüchen genügte). Die Sampler fielen eher auf den kombinatorischen Ansatz der mechanischen Musikinstrumente zurück, als dass sie musikalisch innovativ wirkten. Die Digitalisierung ermöglicht jedoch nicht nur den willkürlichen Zugriff auf beliebige Teile von Tonaufnahmen, sondern auch etwa die Resynthese mit Veränderung einzelner Parameter. Zunehmend leistungsstarke und erschwingliche Universalrechner sind heute die grundlegenden Instrumente für eine elektroakustische Musik, in der sich Klang jenseits von einfachen Stufeneinteilungen von Tonhöhen und Zeiteinheiten entfalten kann. Die Grenzen zwischen den ästhetischen Positionen sind heute nicht mehr undurchlässig: Nicht zuletzt sind es auch die technischen Bedingungen, die eine Durchdringung traditioneller und struktureller Ansätze erleichtern (um die Situation in diesen beiden Begriffen fokussiert zu vereinfachen).

Das tradierte Musikdenken entspricht dem Streben unserer Wahrnehmung, Gestalt zu erkennen. Indem wir in dem, was uns umgibt, Objekte erkennen und benennen, finden wir eine Ordnung. Allerdings bedingen Gestalterkennung und Gestalterwartung einander. Das Erkennen von Anfang und Ende eines Objektes setzt einen Begriff davon voraus. Die akustische Wirklichkeit der Alltagswelt macht uns dies nicht einfach. Sprache und Musik erleichtern es uns durch eine Schärfung der Kanten der klanglichen Objekte. Dies erklärt, warum die Segmentierung von Tonaufnahmen zwar nicht unbedingt ein zentrales Problem für die elektroakustische Musik (mit ihren verschiedenen Strömungen) ist, aber eines, für das immer wieder verbesserte ‒ mitunter nur für eine bestimmte Musikauffassung besser geeignete ‒ Lösungen gesucht werden.

Die Klangkünstlerin und Tüftlerin Katja Vetter formuliert es so: „Einer meiner musikalischen feuchten Träume ist ein Echtzeit-Beat-Slicer, der beliebiges akustisches Eingangsmaterial im Flug zerschneidet und neu gemischt wieder abspielt.“[1] Eine solche Schneidemaschine, die ihre Schneide in Echtzeit automatisch anlegt, ist in verschiedenen künstlerischen Szenarien interessant. Bau und Anwendung einer solchen Maschine setzen ein Modell der Interaktion zwischen Mensch und Maschine voraus, das im besten Fall ein Modell der menschlichen Wahrnehmung ist. Erfordert doch das Erkennen einer einzelnen Erscheinung die Kenntnis anderer Erscheinungen, ihrer Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, und verweist damit auch auf das Kontinuum aller Erscheinungen. Musikalisch geht es vordergründig um Anschlagserkennung (onset/offset detection), um die Frage, was einen Einschwingvorgang von der Stille trennt oder das Einschwingen eines Klangs vom Ausschwingen eines anderen. Auf einer grundlegenderen (fast philosophischen, aber immer noch praktischen) Ebene geht es um den Unterschied zwischen Gestalt und Hintergrund, zwischen Tropfen und Dunst, Tropfen und Tropfen, zwischen Etwas und Nichts.

27. Juli 2014 von Kai Yves Linden
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