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Reise in die Vergangenheit

Quai Branly Der Besuch eines Museums oder eines Friedhofs ist eine Reise in die Vergangenheit, eine Gelegenheit, Verbindungen und Bezüge zu Geschichte, Erbe, Überkommenem, Ursprüngen herzustellen. Paris ist nach einem berühmten Text von Walter Benjamin die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts.[1] Auch das heutige Paris ist trotz aller Modernität der Stadt vor allem durch jenes Jahrhundert geprägt. An kaum einem anderen Ort ist dies in einem solchen Maß erlebbar wie im Musée d’Orsay. Bei einem Gang durch die große Halle des einstigen Bahnhofs glaube ich in das Innere des Schädels des 19. Jahrhunderts einzutauchen, die Skulpturen erscheinen mir als Emanationen seines Unterbewusstseins.

Musée d’Orsay und Eiffelturm lassen sich durch eine schöne Promenade entlang der Seine verbinden, die auch das Meer der Pariser genannt wird. Sie führt u.a. am Pont de la Concorde, an den künstlichen Inseln der Nouvelles Berges (die als Erholungsraum für die Pariser erneuerten Uferböschungen) und am Museum für außereuropäische Kunst am Quai Branly vorbei. Dort fotografierte ich ein klassisches Automobil, das in Richtung Musée d’Orsay, also in die „Vergangenheit“ (bildkompositorisch entgegengesetzt der Leserichtung europäischer Sprachen), an mir vorbeifuhr. Dies erinnerte mich an einen Film von Woody Allen, aber der Buick oder Plymouth ließ mich am Straßenrand stehen, und ich setzte meinen Weg zum Friedhof von Passy fort, einst ein Vorort von Paris, von 1860 an sein 16. Arrondissement.

Dort begegnete ich einer jungen Frau, die mich zunächst fragte, ob ich Spanisch oder Englisch spreche. Wie sich herausstellte, war sie auf der Suche nach Jim Morrison. Enttäuschung darüber, dass dieser am anderen Ende der Stadt begraben liegt, war ihr nicht anzumerken. Die meisten Touristen, die nach Paris kommen, verbringen nicht viel Zeit in Paris. Viele werden wie ich merken, dass der Aufenthalt in einer Stadt wie Paris auch bei intensivster Nutzung der Zeit nur ein flüchtiges Streifen bleibt. Wie alle Friedhöfe von Paris ist der Cimetière de Passy eine Nekropole, die inmitten der lärmenden Stadt eine geheimnisvolle Ruhe ausstrahlt, in der sich Vergänglichkeit und Ewigkeit ineinander aufzuheben scheinen. Grabsteine, Familienkapellen und Skulpturen erscheinen mir wie Hände, welche die Vergangenheit nach uns ausstrecken ohne uns zu erreichen, und zeigen zugleich Spuren des Verfalls, welche eine «concession perpétuelle» (ewiges Liegerecht) wenig absolut erscheinen lassen. (Zur Fotogalerie→)

1. Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts. Exposé des unvollendet gebliebenen Passagen-Werks. Vom 1935 im Original auf Französisch verfassten Exposé ist eine 1939 überarbeitete Fassung und eine Version auf Deutsch erhalten. Beide Versionen sind der posthumen Edition der Fragmente vorangestellt:
Walter Benjamin: Gesammelte Schriften – Band V. Das Passagen-Werk. Frankfurt am Main 1982.
Eine Digitalisierung der französischen Fassung wird von der Université du Québec à Chicoutimi zur Verfügung gestellt: Paris, capitale du XIXe siècle (PDF).

29. November 2014 von Kai Yves Linden
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