Musik

Das Licht, vom Dunkel geordnet

Vor einem Jahr, am 18. Juli 2018, ist der Komponist Wolfgang Hufschmidt vierundachtzigjährig verstorben. Ich habe ein wenig schlechtes Gewissen, denn das vorletzte Mal, als ich ihn bei einem Konzert sah, hatte ich versprochen, dass ich ihn mit einer Weinflasche besuchen werde. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen. Das letzte Mal begegnete ich ihm wieder bei einem Konzert, da erschien er mir schon gesundheitlich angeschlagen. Fünf anregende Jahre lang, die mein Denken beeinflusst und erweitert haben, nicht nur das musikalische, von 1982 bis 1987, war er mein Kompositionslehrer gewesen. In dieser Zeit ist sein Trio II entstanden, dessen Untertitel, als Motto, eine Zeile aus einem Gedicht von Pablo Neruda zitiert: das Licht, vom Dunkel geordnet.[1] Im Einführungstext der Partitur führt Hufschmidt den Kontext dieses Mottos an, vier bzw. fünf von 173 Zeilen des Gedichtes Meditación sobre la Sierra Maestra (Hufschmidt lässt eine Zeile aus). Diese Zeilen verweisen inhaltlich einerseits auf Das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch und den darin entwickelten Begriff der konkreten Utopie, auf den sich Hufschmidt in seinen Werken und in Gesprächen immer wieder bezog. Andererseits fand Hufschmidt darin eine zusammenfassende Beschreibung seines Begriffs von Zeit – als musikalische Zeit, die sich in der Gegenwart ereignet und zugleich Bezug auf Alltägliches wie auf Geschichtliches nehmen kann.

Es ésa la unidad que alcanzaremos:
la luz organizada por la sombra,
por la continuidad de los deseos
y el tiempo que camina por las horas
hasta que ya todos estén contentos.

Dies ist die Einheit, die wir erreichen werden:
das Licht, vom Dunkel geordnet,
durch das Fortbestehen der Wünsche
und die Zeit, die durch die Stunden geht,
bis endlich alle froh sein werden.

Das vom Dunkel geordnete Licht ist der Wechsel von Tag und Nacht, es ist das von Schatten gestaltete Licht, ebenso wie grundlegende Metapher für Positives und Negatives. Die fortschreitende Zeit ist Grundbedingung für Musik. Ohne Zeit entsteht kein Klang. Physikalisch ist dieser für unsere Wahrnehmung immer schon vergangen, in unserem Erleben aber ebenso stets zukünftig. Die Spannung zwischen Erwartetem und Erhaltenem ist vielleicht der entscheidende Unterschied zwischen einfachen akustischen Reizen und dem, was wir Musik nennen. Charakteristisch für Hufschmidts Musik ist eine rhythmisch differenzierte Durchpulsung der Zeit ‒ auf verschiedenen zeitlichen Ebenen ineinander verschachtelt ‒ in die sich musikalische Konnotationen und mit diesen auch außermusikalische Assoziationen einhaken.

Einige Prinzipien, die ich von ihm gelernt habe: Ein Musikstück sollte sich mit seinem Gegenstand umfassend auseinandersetzen. Alles sollte aus wenigen Kernelementen nachvollziehbar abgeleitet sein. Komplexität ergibt sich durch einen erhöhten Grad von Ableitung. Ausnahmen können ohne eine etablierte Grundstruktur nicht hergestellt werden.

Diese Prinzipien habe ich schon während des Studiums auf ganz eigene Weise umgesetzt, was er als übertragendes Lernen nicht nur gutgeheißen, sondern begrüßt hat. Mein kompositorisches Denken – das ist: was ich kompositorisch als mein Eigenes empfinde – ist durch eine rhapsodische, episodische Struktur bestimmt. Ist der Bezugsrahmen einmal hergestellt, ist es vor allem die Abweichung, die mich interessiert (und die mir als solche auch beim Hören von Musik anderer Freude bereitet). Die Hufschmidtschen Prinzipien helfen mir, die damit verbundene Neigung zur Improvisation in Zaum zu halten und die Falle, die diese stets bereit hält, eine unbewusste Reproduktion des verinnerlichten Repertoires, zu umgehen.

Es ist traurig, dass ich keine Gelegenheit mehr erhalten werde, mich mit ihm bei einem Glas Wein über all dies in Betrachtung neuerer Arbeiten von ihm und von mir noch einmal auszutauschen. Es bleibt nur zu wünschen, dass Wolfgang Hufschmidts Musik oft aufgeführt wird, und auch seine Schriften[2] weiterhin Beachtung finden werden.

1. Eine Einspielung des Werkes, zusammen mit zwei anderen von Hufschmidt, ist 1995 beim Label Cybele erschienen.
2. Das 2004 beim Pfau-Verlag erschienene Buch Denken in Tönen. Eine Einführung in die Musik als Komposition (ISBN 3-89727-232-6) enthält einige der Analysen, die während meines Studiums bei Hufschmidt in der Analyse-Klasse besprochen wurden.

18. Juli 2019 von Kai Yves Linden
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