Wein

Traubenkernzucht

Trauben Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich bei einem Glas Wein mit einem Cousin, der in einem kleinen Haus am Rand von Paris lebt, über die Vor- und Nachteile von generativer und vegetativer Vermehrung von Pflanzen. Anlass war ein Artikel, den ich gelesen hatte, in dem es um die Zukunft des Weinanbaus in Frankreich ging. Leider fehlten mir einige botanische Vokabeln, um den beschriebenen Sachverhalt ausreichend klar darzulegen. Das war vielleicht der Grund, warum ich meinen Cousin nicht überzeugen konnte. Philippe Pacalet, ein „Weinhandwerker“ (artisan du vin), wie er sich selbst bezeichnet, vertritt die Ansicht, dass sich der französische Vignoble in einem Zustand fortgeschrittener Degeneration befindet und dass, um aus diesem herauszukommen, Traubenkerne gesät werden müssten. Dem Autor des Artikels in der Online-Ausgabe von ‹Le Monde› erschien es notwendig zu bezeugen, dass das Individuum, das dies „besonnen erklärt […] bald fünfzig Jahre alt, an Körper und Geist gesund erscheint“[1].

Die Geschichte der Degeneration nach Pacalet beginnt im Mittelalter. Die Mönche hatten die Weinreben in den Burgund gebracht. Sie säten Traubenkerne, selektierten die Pflanzen und vermehrten sie durch Befruchtung. Als die französische Revolution 1789 die Klöster auflöste, verschwand diese Praxis und das Wissen. Die Pflanzen wurden nunmehr durch Triebteilung vermehrt, meistens durch Absenken von Seitentrieben (im Französischen ‹marcottage› genannt).

Als sich kaum ein Jahrhundert später Pilzkrankheiten und die Wurzelreblaus ausbreiteten, waren die Weinreben durch die ständige Teilung geschwächt. Schließlich wurde alles ausgerissen und auf amerikanischen Unterlagen neu gepflanzt. Der Botaniker Jules Émile Planchon hatte 1880 nachgewiesen, dass die Phylloxera vastatrix von der amerikanischen Ostküste eingeschleppt worden war. Auf dem Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks hatte er auch resistente Wildarten vorgefunden. Die Veredelung (fr. ‹greffage›) von amerikanischen Rebpflanzen rettete den Weinbau, aber die Methode brachte möglicherweise, wie Pacalet manchen zeitgenössischen Berichten entnimmt, einen Verlust an Finesse mit sich. Allerdings gab es nur die Wahl zwischen Pfropfen oder nichts.

Mein Cousin wendet ein, dass Absenken und Pfropfen im Gartenbau allgemein üblich sind, nicht nur im Weinbau. Die vegetative Vermehrung vereinfacht die Züchtung von Pflanzen mit bestimmten Eigenschaften. Das Pfropfen verbindet einen starken Wurzelstock mit einem gärtnerisch ergiebigen oder, wie bei Edelrosen, besonders schönen Pflanzenteil.

Pacalet argumentiert, dass durch die Auswahl von Pflanzen nach ihren Qualitäten auch ihre Fehler verstärkt werden. Der größeren Empfindlichkeit gegen Krankheiten wurde zunehmend mit chemischen Mitteln begegnet. Lange schien, so Pacalet, der schlecht behandelte Boden die Ursache für den Anstieg der Infektionen zu sein. Das Scheitern eines biodynamischen Experimentes am Weinberg habe ihn aber schließlich überzeugt, dass die Pflanzen selbst das Problem sind. Die einzige Möglichkeit, der Verarmung des genetischen Erbes zu begegnen, sei die Rückkehr zur sexuellen Reproduktion, welche die Mischung der Genome und das Entstehen neuer Linien erlaubt. Dabei werden möglicherweise Eigenschaften von Rebsorten verloren gehen, aber nur so können Vitalität und Widerstandskraft wiedergewonnen werden.

Die Aufzucht aus Kernen nach dem Vorbild der Mönche des Mittelalters ist langwierig und mühsam. Eine andere Möglichkeit wäre es, sich der Gentechnik zu bedienen, was schneller, aber auch riskanter wäre. „Es ist eine titanische Aufgabe, die Jahre benötigen wird. Ich selbst werde die Ergebnisse kaum erleben, aber es ist höchste Zeit etwas zu unternehmen.“

1. Géné, Jean-Pierre: L’homme qui veut semer des pépins de raisin. Le Monde (lemonde.fr), 2013-08-28, http://www.lemonde.fr/style/article/2013/08/28/l-homme-qui-veut-semer-des-pepins-de-raisin_3465968_1575563.html

30. November 2013 von Kai Yves Linden
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1 Kommentar

  1. Obwohl die Erkenntnis bereits uralt ist, dass die Vermehrung von Planzen durch Stecklinge, Ausläufer, Absenker und Brutknollen/-zwiebeln im Laufe der Generationenfolge zu zunehmender Degeneration führt, wurden diese Techniken im modernen Land- und besonders im Gartenbau quasi generalisiert. Sie sind kostengünstig, erfordern weitaus weniger Aufwand an Zeit und Arbeit, und erlauben durch Veredelungstechniken eine inflationäre Vielfalt von Varianten. Dabei entstehen überwiegend Hybriden, die keine oder kaum keimfähige Samen bilden. So ergibt sich allmählich ein Teufelskreis, der wahrscheinlich nur – vorübergehehend wenigstens – mit Hilfe von Gentechnik durchbrochen werden kann. Philippe Pacalet hat klare Sicht. Wird’s helfen? Die sexfreie Vermehrung ist ökonomisch unschlagbar. Ökologisch aber desaströs. Kein allzu schwieriges Rätsel, wie es weitergehen wird.

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