Internet

Kollektiver Monolog

Agnes Krumwiede, Klavierspielerin und Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen für Kulturpolitik, hat in der taz von heute einen Beitrag zur Urheberrechtsdebatte untergebracht, dessen konservative Haltung durchaus etwas erfrischendes hat.[1] Ihr Vorwurf, dass Debatten im Internet, wie auch diese, häufig von Verunglimpfungen, Schmähungen und Verlästerungen geprägt werden, ist nicht aus der Leere gegriffen. Schlechtreden gilt einigen im Netz als guter Ton. Mitunter geraten Foren und soziale Netzwerke in einen Strudel, in welchem emotional geprägte Empörung, die in ihrer Formulierung entgleitet, in der Sache berechtigte Kritik entwertet. Solch ein Shitstorm, also ein „Sturm von Scheiße”, lässt an der vielbeschworenen Schwarmintelligenz zweifeln – mag das Opfer, das damit überzogen wird, ihn durch sein Verhalten auch provoziert haben. Und ja, die großen Verwerter in Musik- und Filmindustrie geben häufig genug Anlass für Unmut bei ihren mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen, das unberechtigte Kopieren von digitalen Inhalten durch Kriminalisierungspropaganda, rechtliche Verfolgung oder technische Bevormundung einzudämmen.

Dieses Verhalten der Industrie adelt aber das Kopieren von Medien und Dateien mit urheberrechtlich geschützten Inhalten nicht als ehrenhaftes Piratentum, wie der eine oder andere glauben mag. So einfach sieht das die Partei der Piraten keineswegs[2]. Hinsichtlich der Lösungsansätze bleibt das Programm der Piratenpartei zum Thema Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung, wie bei anderen Themen auch, allerdings offen. Vorschläge wie der, Urheber über einen zentralen Pool entsprechend der Nachfrage zu entlohnen, haben einen gewissen neo-liberalen Anklang, der die Wählerwanderung von der FDP zu den Piraten plausibel und nicht als nur diffusen Protest erscheinen lässt. Damit sei nicht gesagt, dass der Ansatz als Basis oder Teil einer Lösung nicht diskutabel sei – wie andere Vorschläge und Ideen auch. Allen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, ist klar, dass Urheber- und Verwertungsrecht dringend einer Reform bedürfen. Nationale Gesetze machen zudem ohne internationale Abkommen heute nicht mehr viel Sinn. Eine Lösung des Problems, die dem Informationsbedürfnis der Konsumenten und auch den Urhebern gerecht wird, entsteht bestimmt nicht durch den Interessenausgleich zwischen multinationalen Konzernen, aber auch nicht ohne diese. Denn ihre Interessen im Hinblick auf das Verwertungsrecht sind zu einem großen Teil auch die der mittleren und kleinen Verlage und Labels – und nicht zuletzt der Urheber. Eine Debatte, die nicht alle Beteiligten, und vor allem nicht zuallererst die Urheber einbezieht, hat etwas von einem kollektiven Monolog.

1. Agnes Krumwiede: Keine Angst vor dem Shitstorm, taz. die tageszeitung vom 13. April 2012, auch online zu lesen.
2. Parteiprogramm der Piratenpartei Deutschland, online im Wiki der Partei zu lesen.

13. April 2012 von Kai Yves Linden
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