Musik

Zeitstrudel

Gestern präsentierte Anne Teresa De Keersmaeker mit ihrer Tanzkompagnie Rosas bei der Ruhrtriennale erstmals eine choreografische Interpretation von Vortex temporum, das vorletzte Werk des vor bald fünfzehn Jahren mit 52 verstorbenen Gérard Grisey ‒ zu früh, doch wer starb schon zu spät? ‒ und sein magnum opus, gespielt vom Ensemble Ictus. In der Hinsicht eigentlich nur von seinem opus ultimum, den Quatre chants pour franchir le seuil (vier Gesänge um die Schwelle zu überschreiten) übertroffen (dort ist es vor allem der Text, der das Hören leitet), ist Vortex temporum das vielleicht zugänglichste Werk von Grisey. Trotzdem hängt es, das von einem gut wiedererkennbaren Motiv aus Ravels Daphnis et Chloë ausgeht, Hörer, welche mit seinen konstruktiven Grundlagen nicht auf vertrautem Fuß stehen, leicht ab. Doch auch bei denen, wie mir, denen es auf Grund von Kenntnissen und Vorerfahrungen leichter fällt, solche Konstruktionen zu erkennen, kann eine körperliche Darstellung eine mimetische Empathie bewirken, die das Erlebnis sinnlich vertieft. Das ist Ictus und Rosas ‒ in einer wirklichen Zusammenarbeit von Musikern und Tänzern ‒ hervorragend gelungen.

In den Worten der Choreografin: „Die Tänzer öffnen uns, dem Publikum, ein Fenster, um Musik durch Bewegung zu sehen.“ Fast ein Geniestreich ist der Einfall, dies beim ersten Satz ‒ der laut Grisey die „Zeit der Menschen“ darstellt (auf die Wahrnehmung der Zeit bezogen) ‒ nicht parallel, sondern nacheinander geschehen zu lassen, wofür der Satz gegen Ende unterbrochen ‒ oder in einer Art Fermate aufgehoben wird. Die Tänzer wiederholen gewissermaßen die Musik ohne Musik. Klar wird dies spätestens bei der Darstellung der Klavierkadenz, wenn der dem Klavier zugeordnete Tänzer (später sind es zwei, einer für jede Hand des Pianisten) die energetisch aufgeladenen Gesten „nachspielt“, die diesem Solo einen epiphanischen Moment verleihen (zu dem ich in Musik überhaupt kaum etwas Vergleichbares kenne). Dass der Tänzer am Ende, nachdem der Pianist als erster der Musiker auf die Bühne zurückgekehrt ist, schließlich auch einmal für eine Tontraubenkaskade in die Tasten greift, wiederholt diesen Moment der Überraschung und verweist auf die Integration zwischen Musikern und Tänzern, aber auch auf das Prinzip konstruktiver Verzahnung in der Musik.

Im zweiten ‒ sich laut Grisey in der „Zeit der Wale“ abwickelnden ‒ Satz, mischen sich Tänzer und Musiker untereinander, um in Spiralen durch den Raum zu kreisen. Die periodisch angeschlagenen langen Wellen der Klavierakkorde, mit den fünf um einen Viertelton verstimmten Tasten, von den anderen Instrumenten pedalisiert, von asynchronen Akzenten in allen Instrumenten überlagert, erhalten durch die Bewegung auch akustisch eine weitere Dimension.

Der dritte Satz lässt uns die „Zeit der Vögel und Insekten“ erahnen. Die im zweiten Satz zeitlupenhaft gedehnte Figur fliegt nun zu elementaren Artikulationen gestaucht und gepresst an uns vorbei, während die beiden anderen „Zeiten“ in Rückblicken präsent bleiben, um zusammen mit der beschleunigten Zeit eine komplexe formale Anlage zu bilden, wobei der Kontrast (mehr als ohnehin in Musik) eine Funktion der Zeit wird. Die Tänzer fordern die Fliehkraft heraus. Sie verlegen sich aber auch, wie zuvor, oft auf einzelne Glieder ihres Körpers, um die natürliche Trägheit des ganzen Körpergewichtes zu vernachlässigen. Die Musiker stehen nun hinter den Tänzern, dem Publikum etwas entrückt, und so wirkt auch die Musik, als fände sie in einem anderen Raum statt. Ein wenig fehlt mir bei der Choreografie des dritten Satzes die strukturelle Synthese, die in der Musik zu finden ist. Aber es bleibt bis zum Schluss schön, die Aufführung verfolgen. Sie wird heute Abend und in den nächsten Tagen noch dreimal wiederholt.

4. Oktober 2013 von Kai Yves Linden
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